" Thomeys virtuelle Welten"

 


Feuerberg

(inspiriert durch Thomey 3.99)

Das Lagerfeuer schickte seine Funken in die Nacht. In der Ebene war es durch die veränderten klimatischen Bedingungen nachts empfindlich kühl. Zärtlich streifte sein Blick die am Boden liegende in Decken gehüllte Frau, seine Frau.

 

Sein Blick verlor sich in der Nacht. Ein massiver drohender Schatten verdunkelte den Horizont, das Ziel ihrer Reise. Die Sterne begannen zu verblassen und er mußte darauf achten, den Moment des Sonnenaufganges nicht zu verpassen und sie rechtzeitig zu wecken. Er war erst einmal in seinem Leben hier gewesen, in einer jetzt schmerzhaft versunkenen Vergangenheit. Seine Gedanken wanderten zurück.

Nach dem ersten Schock damals nach ihrer Ankunft mußten alle Gedanken an Vergangenes, verlorene Verwandte und persönliche Dinge zurückstehen. Vorrangig war der Bedarf an unverdorbener Nahrung, die Energieversorgung mit den wenigen noch Übriggebliebenen und die Suche nach Überlebenden. Alle bewegten sich wie betäubt, mechanisch und erst als die Versorgung für den drohenden Winter sichergestellt war und man Ruhepausen einlegen konnte, kamen die Auswirkungen ans Tageslicht. Einige zerbrachen daran. Und noch immer konnte kein Kontakt über den Planeten hinaus hergestellt werden, da vorrangig alle Kommunikationsmittel ins All systematisch zerstört worden waren. So trieben sie wie eine Handvoll verlorener Seelen in einer veränderten Welt dahin.

Er hatte darauf geachtet, das Cora sich weitgehend schonte. Das keimende Leben in ihr war kostbar. Der Genpool war zu klein, um es zu verlieren und er verbot sich zunächst weitere Gedanken in dieser Richtung, die irgendwann aufgenommen werden mußten, um die kleine Gruppe von Überlebenden auch in der Zukunft zu bewahren. Zum Glück war die Schwangerschaft leicht, ohne Beschwerden. Sie erblühte förmlich und wenn diese Melancholie sie nicht wie eine Aura umgeben hätte, wäre sie schön zu nennen. Und in dieser Zeit der erzwungenen Mußestunden war sie es, die begann Wissen zu sammeln und zu bewahren. Schriftliches, Tonträger, Bänder, Datenspeicher, Bilder - alles sammelte sie, um es irgendwann zu katalogisieren und für alle zugänglich zu machen. Und sie begann sich mit den alten Mythen zu beschäftigen und eines Tages kam sie zu ihm mit ihrem Plan.

Die Gruppe hatte sie und Bono stillschweigend als Führer gewählt und akzeptiert und so wollte sie eine Initiierung nach alter Art und eine Weihung des Sohnes, den sie in sich trug. Lange hatten sie diskutiert, nächtelang und er gab nach. Ihr strahlender Blick war es wert. Aber nachts hatte neben ihr gelegen und kummervoll ihren gewölbten Leib gestreichelt und sich gefragt, ob sie diese Reise unbeschadet überstehen würde.

 

Und sie hatten es geschafft. In kleinen Etappen waren sie weit über die Ebene nach Osten gereist. Eine Reise, die er als Jüngling von nicht 13 Jahren schon einmal gemacht hatte, wie jeder Mann seiner Heimat. Um bei all der sie umgebenden Technik und ihrer Wunder auch den Ursprung, die Wurzeln kennenzulernen. Zu verstehen, das der Mensch trotz allem wie in Urzeiten seinen Leidenschaften, Irrtümern aber auch seiner Weitsicht und seiner Kreativität unterworfen ist. Er lachte bitter auf: und doch hatten die Mächtigen dieser Welt es vergessen, als sie bewußt die Katastrophe auslösten.

Und er überlegte zum ersten Mal, warum seit Menschengedenken keine Frauen mit auf diese Reise gegangen waren. Sie planten kühler und vorsichtiger, waren aber auch konsequenter in ihren Ausführungen.

Sie wollten es anders machen, in ihrer neuen Welt.

Er sah auf und bemerkte den Streifen am Horizont, der den Morgen ankündigte. Immer noch irritierte ihn das Fehlen der Vogelstimmen am Morgen. Sein Blick heftete sich gebannt nach Osten. Er hatte es vergessen, diesen Anblick.

"Cora !" Sanft rüttelte er sie wach, nahm sie in den Arm wie jeden Morgen und wiegte sie, mit den Lippen ihre Schläfe streifend. Denn jeden Morgen aufs Neue wurde ihr nach schlaftrunkenem Murmeln wieder bewußt, das es nicht mehr so war, wie früher und brauchte seine Nähe. Heute schlug sie jedoch schon bald die Augen auf. Er konnte im Halbdunkel ihre Umrisse vor sich sehen. Nach einem zärtlichen Kuß half er ihr auf und einen Arm um ihre Taille gelegt drehten sie sich nach Osten:

Wie damals verschlug es ihm den Atem.

In der felsigen Eben vor Ihnen ist es noch dunkel. Doch weit, noch zwei Tagesmärsche entfernt und doch scheinbar zum Greifen nah, da liegt er: der Heilige Berg. Von seinen Spitzen aus funkeln die ersten Strahlen der dahinter langsam aufgehenden Sonne und nach und nach weicht die Dunkelheit einer noch grauen Dämmerung. Die Konturen treten scharf hervor.

"Warum heißt er Feuerberg?" Cora flüsterte gebannt, um die Stille nicht zu stören.

"Schau!" Er zog sie enger an sich und hielt den Atem an.

Ein Streifen des Sonnenballes tritt langsam über die höchste Spitze des Berges. Die ersten Strahlen fallen darüber in die Ebene und er spürte neben sich, wie Cora tief Atem holte und er ließ sich in die Erinnerung des Kindes fallen, das er damals war.

Langsam scheint der Fels zu erglühen. Höher und höher steigt das Tagesgestirn und taucht alles in flüssiges Gold. Schwarz weicht feuerrot, das Auge geblendet. Schrunde um Schrunde, Schlucht um Schlucht, Fels um Fels wird in blutrotes Licht getaucht. Ein Symphonie der Farben, fast schmerzhaft, kaum zu ertragen. Klein stehen sie inmitten dieser Kraft. Fast scheint die Luft zu vibrieren und unwillkürlich streckt sie die Hand aus. Höher und höher steigt die glutrote Scheibe, wärmende lohende Strahlen aussendend. Sie tritt einen Schritt zur Seite, wirft den Umhang ab, streicht das lose Gewand fest über den gewölbten Leib und breitet dann die Arme aus. Den Kopf zurückgeworfen, eins mit sich, dem Leben in sich und ihrer Umgebung. Uraltes Ritual der Anbetung, immer gleich. Er denkt an die Höhle im Berg, mit den stilisierten uralten Zeichnungen darin, auf diese seit Menschengedenken reduzierten Urformen, die sich dort präsentieren: Leben, Fruchtbarkeit, die Sonne als Hüterin, das männliche Prinzip zur Erhaltung der Art, die dunklen Symbole des Todes. Ewiger Kreislauf. Es war richtig, hierher zu kommen und es war richtig von ihr, diese Weihe wieder aufleben zu lassen.

Wie in Flammen gehüllt, so steht der Feuerberg, der Heilige Berg jetzt vor ihnen. Es soll einen großen Kontinent weit im südlichen Meer geben, wo es einen ähnlichen Berg gibt, der aber rund ist, wie die Erde selbst.

Lächeln wendet sich Cora ihm zu, nimmt seine Hand und legt sie mit sanftem Druck auf ihren Bauch. Und unter Tränen spürt er, wie sein Sohn sich bewegt, wie er es fühlen kann und er weiß, sie werden es schaffen. Irgendwie.

Ladyb

Email an Ladyb